KENDRA GETTEL: ICH MUSSTE MEIN LEBEN ENTSCHLEUNIGEN 001

Kendra-Gettel-Leben-entschleunigen

„Ich merke, dass ich meine Stärken oft selber nicht sehe, sondern sehr schnell in den Film reinrutsche: Ich bin nicht gut genug als Mutter!“

Im Interview verrät Kendra:

  • Wie sie ihre Selbständigkeit und das Mamasein vereinbart.
  • Warum für sie das Leben mit Kindern nicht planbar ist.
  • Wie sie ihr Leben entschleunigt hat.
  • Wie es war, als ihre Tochter bis zu 10 mal in der Nacht aufgewacht ist.
  • Was sie von ihren Kindern gelernt hat.
  • Was ihre damalige Partnerschaft am meisten verändert hat.
  • Was sie heute in ihrer Beziehung anders macht.
  • Wie sie mit dem Gefühl, als Mutter nicht gut genug zu sein, heute umgeht.
  • Warum es für sie wichtig ist, den Focus immer wieder auf das Gute zu richten.

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Transkript:

P: Mein heutiger Interviewgast bei Elterpodcast.de ist Kendra aus der Schweiz, Hallo Kendra

K: Hallo Peter

P: Erzähl uns doch erst mal wer Du bist, was Du machst und wie viele Kinder Du hast

K: Also ich bin Kendra Gettel und ich bin 38 und wohne in der Nähe von Basel. Ich habe jetzt 2 Kinder, 2 Mädchen, die Größere wird jetzt bald 5 und die Kleine ist gerade 4 ½ Monate. Und was ich mache? Also im Augenblick nutze ich so die Auszeit mit meiner Kleinen um mich wieder neu auszurichten, weil ich merke, ja mit jedem Kind verändert sich ja wieder alles. Ich habe einen Blog in dem ich über Beziehungs- und Kommunikationsthemen schreibe was schon seit, ja, eigentlich mein ganzes Leben, mein Steckenpferd ist, und außerdem begleite ich werdende Eltern. Ich gebe Geburtsvorbereitung mit Hypnose und …ja genau und jetzt schaue ich einfach – es ergeben sich durch meine neue Lage wieder ganz viele neue Ideen die ich dann in Zukunft in meinen Blog bringen werde.

P: Kannst Du das gut, Dein Arbeitsleben mit dem Muttersein von 2 Kindern, von einem fast frischgeborenen Baby gut vereinbaren?

K: Hm, manchmal mehr, manchmal weniger – also jetzt im Augenblick mache ich fast nichts, das ich auch ok, also ich hab’ mir auch vorgenommen ich nehm’s einfach ganz gemütlich jetzt mit dem 2. und schau erst mal das wir uns alle in unsere neuen Rollen einfinden. Bevor die 2. kam, ging es ganz gut, da hab ich genügend Zeit gehabt um… ja Kurse zu geben und meinen Blog zu schreiben , aber ich hab da jetzt auch nicht den Anspruch das ich das Vollzeit mache, sondern einfach eben wie’s im Rahmen meiner Kräfte und zeitlichen Möglichkeiten geht und das klappt gut, ja.

P: Das ist natürlich der Vorteil wenn man eine Arbeit hat, wo man sie recht flexibel gestalten kann von der Zeit her

K: Absolut. Da bin ich auch sehr dankbar.

P: Dann komme ich gleich zu meiner ersten Hauptfrage: Was hat sich bei Dir durch die Kinder in Deinem Leben verändert?

K: Also am meisten hat sich verändert, dass mein Leben einfach nicht mehr so planbar ist.

P: Was meinst Du damit genau?

K: Es fängt schon damit an, dass der Tag nicht planbar ist – als frischgebackene Eltern, da sitzt man manchmal da und denkt von wegen: ja ich wollte aus dem Haus und dann, genau gerade als ich wegwollte war dann die Windel voll, und ich muss das ganze Kind komplett umziehen, weil es war alles voll und es wird einfach so wahnsinnig schwer Termine einzuhalten, weil dauernd immer irgendwas ist, womit man nicht gerechnet hat.  Oder ich will los und uh, meine Kleine hat gerade meine Schminksachen entdeckt und ausgepackt. Oder wenn das Kind dann älter ist, dann stellt man sich vor: Ich muss in 10 Minuten da und da sein, ich setz’ mein Kind in den Kinderwagen und schieb’ los, und dann macht das Kind einen Mordsaufstand. Es will selber laufen und da brauch man anderthalb Stunden. Oder man hält mit einer Hand irgendwie das Kind fest, während man mit der anderen schiebt und es schreit und wehrt sich. Man kommt dauernd in völlig absurde Situationen, die man sich vorher nie hätte vorstellen können.

P: Wie gehst Du damit um?  Wenn man mal was geplant hat und irgendwo auf einen Termin hin muss zum Beispiel, dann stell ich mir das recht anstrengend vor.

K: Ja ist es auch. Ja wie geh’ ich damit um? Im Wesentlichen versuche ich mein Leben einfach zu entschleunigen und möglichst wenig äußeren Druck überhaupt aufzubauen. Z.B. dass ich Termine eben auf das Wesentliche reduziere, dass ich dann, naja versuche ein bisschen mehr Zeit einzuplanen und einfach gelassen zu bleiben. Das ist einfach ganz wichtig, dass man da nicht austickt, sondern einfach tief durchatmet und, okay.

P: Das finde ich ist ein ganz wichtigen Hinweis dieses Entschleunigen, dass man auch eine gewisse Flexibilität behält.

K: Ja, absolut. Flexibilität, genau, das ist ein gutes Stichwort. Man muss sich 100 Mal am Tag wieder neu auf irgendeine Situation einstellen, mit der man nicht gerechnet hat.  Ich merke, das ändert sich oft minütlich. Manchmal denke ich: So jetzt machen wir das, und , oh, nee, das geht jetzt gerade nicht weil jetzt ist das passiert – ok, dann machen wir das, aha, das geht auch nicht weil jetzt ist das passiert , also ja…

P: Und wie gelingt Dir das? Gelingt Dir das immer?

K: Es kommt sehr drauf an, in welchem Zustand ich gerade bin. Wenn ich selber ausgeschlafen bin und gut drauf dann gelingt mir das gut. Wenn ich selber erschöpft bin und an meiner Grenze, dann gelingt mir das nicht, dann wird’s  eher schwierig.

P: Wie hat sich die Tatsache, dass ihr zwei Kinder habt,  auf eure Beziehung ausgewirkt,  was hat sich da verändert?

K: Dazu muss ich sagen, dass ich von dem Vater meiner ersten Tochter getrennt lebe, also wir sind geschieden. Dort war es einfach so, dass das Kind insofern Stress gebracht hat, es war einfach so die klassische Situation: Er arbeitet Vollzeit und noch dazu hatte er einen Pendelweg von 2 Stunden zur Arbeitsstätte.

P: Oh das ist heftig.

K: Das war heftig und wir fanden uns dann ganz schnell in einem Kleinkrieg wieder. Ich weiß nicht ob Du das auch mit Deiner Frau erlebt hast, aber jeder der beiden so erschöpft und am Ende. Dann aber dem anderen vorwirft „ Du hilfst mir nicht genug“ und dabei machen beide schon wirklich so viel. Es sind nicht genug Ressourcen da wenn nur zwei Eltern alleine sind, ohne Familienanschluss so wie wir.

P: Das finde ich spannend, dass du das ansprichst, denn das ist ein Thema worüber ganz viele Eltern berichten. Keine Ressourcen haben, wirklich erschöpft zu sein und keine Kraft mehr zu haben, sich wirklich um die Beziehung zu kümmern.

K: Ja, nach der Trennung war’s dann eine Zeitlang schwierig, aber jetzt haben wir eine sehr gute Beziehung und es ist irgendwie so: jetzt läuft’s richtig gut. Die Kleine ist eben einen Teil der Woche bei ihm und einen Teil der Woche bei mir. Wir sind Nachbarn, also sie hat uns beide immer in der Nähe und jetzt ist es gut, weil jeder so wieder seine Balance hat, jeder hat wieder so ein paar Tage Freiraum, kann mal ein paar Nächte ungestört schlafen. Das war am Ende ein Segen, das hat sehr gut funktioniert. Und jetzt mit dem neuen Kind erlebe ich das mit meinem neuen Partner in gewisser Weise wieder:  Wow wir sind erschöpft. Für meinen neuen Partner ist es sein erstes Kind, und mir war schon klar was da jetzt kommt.  Wir sind noch dabei die Balance zu finden, aber es läuft gut, weil wir beide von zu Hause arbeiten.  Und es ist einfach eine völlig andere Ausgangssituation. Jetzt kann ich einfach zu ihm sagen: Du kannst Du bitte jetzt eine Stunde die Kleine nehmen, ich bin total k.o. ich will schlafen. Das ist jetzt relativ entspannt und läuft gut.

P: Das ist super.

K: Ich würde noch sagen, was einfach die Partnerschaft so verändert ist: Man hat keine Zeit mehr allein oder zu zweit. Einer nimmt das Kind, damit der andere mal arbeiten, schlafen, duschen oder was auch immer machen kann. Aber zu sagen, wir machen einfach als Paar was zu zweit und haben so ungestörte Zeit, dass gibt es zumindest im Augenblick nicht mehr. Wenn das Kind älter ist, weißt Du dann kann man mal wieder einen Babysitter holen.  Aber im Augenblick ist es nur wir und das Baby.

P: Das ist wirklich eine Herausforderung, sich diese Zeit wirklich auch zu erkämpfen, ein bisschen,

K: Ja, ja absolut

P: Was mich noch interessieren würde: Was war für Dich die größte Herausforderung in dieser ganzen Elterndaseins-Geschichte?

K: Also die größte Herausforderung war, dass meine ältere Tochter so wahnsinnig schlecht geschlafen hat.

P: Ah ja… ok…

K: Also das war wirklich krass. Es ist ja normal das die Kinder viel nachts aufwachen und stillen wollen und so, aber es wurde bei ihr einfach nicht besser, sondern es hat sich gesteigert bis zu 10 Mal die Nacht aufwachen. Sie war immer so laut und hat geschrien.

P:  10 Mal?!

K: Es war wirklich heftig, ich bin absolut auf dem Zahnfleisch gegangen.  Es war für mich ein großer Lernprozess, weil die Botschaft die ich dann bekommen habe vom Kinderarzt und von der Mütterberatung waren immer: Es liegt an mir, weil ich sie in den Schlaf stille, weil ich nicht genug Struktur habe, weil ich hier weil ich da, und ich dann immer gedacht habe: das kann aber nicht sein, weil ich kenne auch andere Mütter die ihr Kind in den Schlaf stillen und es wacht nicht 10 Mal die Nacht schreiend auf. Bis ich dann nach einem Jahr wirklich an dem Punkt war, wo ich mich davon innerlich freimachen konnte und einfach gemerkt habe: ja, wir wissen einfach nicht warum es bei ihr so ist. Wir waren auch beim Ostheopathen, wir waren bei der Akupunktur. Und es war wirklich schlimm. Du kannst Dir vorstellen, ich war halt in der Regel tagsüber viel zu erschöpft, um irgendwas mit ihr zu machen. Ich habe einfach nur irgendwie versucht zu überleben.

P: Das glaube ich. Wenn man 10 Mal in der Nacht aufwachen muss dann ist man wirklich nur noch in Überlebensmodus.

K: Genau, und da war tatsächlich die Trennung von meinem Mann die Rettung, weil ich dann einfach wieder 2 Nächte die Woche hatte um auszuschlafen.  Sie schläft jetzt relativ gut, wacht aber immer noch auf. Sie ist immer noch kein Kind das DU abends um 8 ins Bett steckst und dann hast du bis morgens Ruhe. Das ist im Augenblick unsere Bewältigungsstrategie, wir teilen einfach die Nächte auf.

P: Das kann ich mir wirklich sehr belastend vorstellen. Erst mal für einen selber und zweitens für die Beziehung. Was ich noch interessant finde: Du hast Dinge abklären lassen, von Ärzten und von verschiedenen Fachleuten und die haben eigentlich nichts gefunden. Das Kind ist trotzdem so wie es ist.

K: Es ist so wie es ist, genau.

P: Du hast gesagt die Lösung war die Trennung von deinem Mann. Wenn du das so rückblickend betrachtest, wie hättet ihr das anders lösen können?

K: Wir haben das, auch als wir noch zusammen waren gelöst, indem wir die Tochter abwechselnd nachts betreut haben. Es hat einer bei dem Kind geschlafen und einer im Büro.

P: Das gab ein bisschen Entlastung, oder?

K: Genau, also es ist dann einfach wieder der Punkt, dass die Gemeinschaft der Eltern, die ist dann halt nicht mehr da. Es ist dann immer: einer schläft mit dem Kind, einer schläft alleine.

P: Gibt es etwas, was Du vor den Kindern so nicht erwartet hättest, was Du erst nach den Geburten so erlebt hast?

K: Also ich hätte nicht erwartet dass man so wenig Einfluss auf sein Leben hat. Ich hab mir das immer viel harmonischer vorgestellt, hab ich mein süßes kleines Mädchen, und dann mache ich mit der lauter schöne Dinge und die ist immer lieb, und die macht auch gerne das was ich ihr vorschlage.  Der Gipfel der Absurdität war dann irgendwann, dass ich mit meiner kleinen in den Zoo wollte, das war letztes Jahr und da geht sie ja immer gerne hin und dann stand sie vor dem Zoo und hat eine halbe Stunde einen Mordsanfall gehabt weil sie da nicht reinwollte.

P: Aha, ok

K: Es ist einfach viel mehr Aushandeln nötig, von Bedürfnissen und Wünschen und was machen wir jetzt? Es läuft nicht immer alles so glatt und harmonisch wie ich mir das vorgestellt habe und wie man sich’s ja immer vorstellt. Man hat ja so ein süßes Baby im Arm und das ist alles toll und es gibt keine Konflikte.

P: Was hast du, durch diese ganzen Erlebnisse als Mama, oder durch die Herausforderungen durch die du gegangen bist, für Fähigkeiten bzw. was für Stärken hast du dadurch neu entwickeln können?

K: Ich finde Deine Frage gerade spannend weil ich merke, dass ich meine Stärken oft selber nicht sehe, sondern sehr schnell immer in den Film reinrutsche: Ich bin nicht gut genug als Mutter.

P: Okay.

K: Es ist so: Mein Kind schläft nicht gut, es muss an mir liegen, ich mach irgendwas falsch. Oder: mein Kind hat jetzt diesen Wutanfall, oh je, bin ich nicht gut genug drauf eingegangen. Mir selber einfach zuzugestehen dass ich’s gut mache und das ich mein Bestes gebe, das ist für mich ein Lernprozess. Also wenn Du mich fragst, würde ich noch mal auf den Punkt Flexibilität zurückkommen. Da bin ich definitiv besser geworden und was ich gerade …ja auch lerne, ist einfach meine Prioritäten neu zu setzen.  Müssen es immer die toll geputzten Fenster sein? Weißt Du, ich merke jetzt wie sehr ich mich auch damit identifiziere durch meine Leistungen. Das hätte ich von mir nie gedacht. Ich dachte immer, ich wäre da schon recht frei von.  Jetzt kommt mehr die Seite von mir zum Vorschein die einfach sagt: ok, das Wichtigste ist ja einfach das Dasein und den Tag zu erleben mit den Kindern und nicht irgendwas zu machen und zu leisten um To-do-Listen abzuhaken

P: Das ist das was uns von der Gesellschaft ja immer schön so vorgelebt wird: ‚wer leistet der ist’

K: Genau

P: Der Mensch ist einfach – das langt schon glaube ich. Das finde ich spannend, dass Du das sagst, weil diese Selbstzweifel, oder – mache ich das richtig, habe ich irgend welche Fehler gemacht, weil sich das Kind so und so verhält – das ist etwas was jede Mutter und jeden Vater beschäftigt. Es geht mir genauso, und es in meinem Vaterdasein ganz viele Situationen, wo ich wirklich auch verzweifelt war.

K: Ja

P: Oft habe ich mich gefragt: Wie soll’s weitergehen? Es ist eine neue Selbstausrichtung die man da selber vollziehen muss. Die Ansprüche runterschrauben und darauf vertrauen, dass das gut kommt. Das ist auch ein ganz ganz wichtiger Punkt, das Vertrauen zu finden.

K: Was mir dazu gerade noch einfällt ist: Was ich jetzt im Laufe der Jahre mehr spüre, und jetzt bei meinem zweiten Kind ist, dass Kinder viel robuster sind als wir denken. Manchmal mache ich Sachen einfach nicht in der Weise wie ich sie mir von mir wünschen würde. Z.B. raste ich aus und ich brülle los, und dann merke ich, im Grunde ist sie trotzdem, ein tolles Kind. Sie ist offen und sie liebt mich und ich liebe sie und da können wir hinterher drüber reden. Ich kann ja auch sagen es tut mir leid und es ist so mehr Vertrauen da, dass man diese Dinge auch wieder in Ordnung bringen kann. Dass man Dinge klären kann. Und das es am Ende ja gut wird.

P: Ich glaube das ist ganz wichtig, dass man den Fokus wirklich auf das Gute richtet und nicht auf das was nicht gerade im Moment gut läuft. Der Mensch hat die Tendenz sich auf das was nicht so gut läuft zu konzentrieren, spannenderweise.

K: Ja, das ist ein guter Hinweis. Ja ich verliere das dann auch oft aus dem Blick was gerade gut läuft.

P: Gibt es etwas wo Du heute anders machen würdest?

K: Ja. Ich hab in dem Jahr bevor jetzt meine zweite Tochter gekommen ist, sehr viel Zeit in meinen Blog investiert, und das tut mir tatsächlich leid. Also ich wünschte ich hätte mehr Zeit mit meiner Grossen verbracht.

P: Ah, okay

K: Und deswegen ist es für mich ein Vorsatz für die nächsten Jahre: ich will tatsächlich weniger arbeiten. Nicht gar nicht, weil ich liebe meine Arbeit und ich brauche. Was sind meine Prioritäten, was ist mir eigentlich wichtig? Das ist für mich gerade ein Prozess der sich noch mal vertieft. Also ich kenne das noch von früher wo ich einfach viel Zeit und viele Ressourcen hatte, da habe ich dann auch bei so ziemlich allem mitgemacht was sich geboten hat.  Jetzt versuche ich wirklich auszuwählen und zu sagen: Das ist mir wirklich wichtig, das will ich machen und das nicht. Es ist ein Lernprozess auch innerlich zu spüren was ist wirklich stimmig, was will ich, was passt und was nicht.

P: Durch was wurde Dir das bewusst?

K: Es wurde mir so im Laufe der Schwangerschaft bewusst und jetzt in den letzten Monaten, wo ich eben merke: die Grosse muss zwangsläufig zurückstecken. Mama ist dauernd mit dem Baby beschäftigt. Es wurde mir auch bewusst durch die Gespräche mit meinem Ex-Mann wo es ja darum geht, wie viel Zeit verbringt sie bei wem. Und ich dann irgendwann gemerkt habe, huch! Sie verbringt wirklich gar nicht mehr viel Zeit mit mir, weil sie am Wochenende bei ihm ist. Dann geht sie noch in die Kita und dann so auf einmal, es ist einfach irgendwie passiert, dass ich tatsächlich den größten Teil der Woche nicht mehr mit meinem Kind verbringe. Ich merke, ja sie freut sich riesig wenn sie den Papi sieht und wenn sie mich sieht, ja dann freut sie sich auch, aber irgendwie war das ein bisschen das Gefühl: ich glaub’ wir haben uns ein bisschen entfernt voneinander. Ohne das ich das beabsichtigt oder bemerkt hätte, es hat sich einfach so eingeschlichen, und das war dann so’n Weckruf für mich. Jetzt schau mal was Du hier machst!

P: Sehr spannend. Gibt es etwas wo Du sagen würdest: das habe ich von meinen Kindern gelernt? Kinder sind bekanntlich die Lehrmeister schlechthin.

K: Ich zögere weil ich tatsächlich merke ich bin ne harte Nuss. Es gäbe tolle Sachen, die könnte ich von meinen Kindern lernen. Zum Beispiel einfach die Lebensfreude. Ja ich meine Kinder können einfach glücklich sein, ohne das es dafür jetzt einen Grund gibt. Bei uns muss ja dann erstmal alles stimmen, die Sonne muss scheinen, und dann muss hier noch, das muss gegeben sein und das. Und Kinder stehen einfach morgens auf und sind gut drauf.

P: Ja das stimmt.

K: Das finde ich super. Oder, eben noch mal dieses Thema Prioritäten setzen. Für Kinder ist es ja nun wirklich egal ob geputzt ist oder auch was man an hat. Die lieben einen einfach bedingungslos. Und das ist schön. Da möchte ich mir auch noch mehr von abschneiden.

P: Da bin ich auch noch auf’m Weg …. Was mich noch interessieren würde: Du hast erzählt die Zeit mit deiner ersten Tochter war recht anstrengend, das erste Jahr oder die ersten Monate. Gibt es da ein Buch oder ein Hörbuch was die durch diese Zeit hindurchgeholfen hat, oder wo du gesagt hast, da hab ich viel draus raus nehmen können für mich?

K: Ja, das gibt es. Und zwar es ist von William Sears: „das 24 Stunden Baby“. Das war meine Rettung, weil der Sears ist Kinderarzt und hat selber 8 Kinder, irgendwie 6 eigene und 2 adoptierte. Bei den ersten 3 Kindern, hat er diese Probleme nicht gehabt und hat dann, wenn Eltern in die Praxis kamen mit solchen Kindern wie ich’s hatte, hat er dann immer auch gesagt es liegt an denen. Die machen irgendwas falsch. Dann kam Kind Nummer 4 …und er schrieb: meine Frau war innerhalb von Wochen am Rande der Erschöpfung und jetzt weiß ich, jetzt verstehe ich was diese Eltern erleben. Es war für mich so ein Befreiungsschlag. Ich habe nun einfach gemerkt: hey, der beschreibt genau mein Kind, der beschreibt genau meine Situation, es war so erlösend einfach von ihm zu hören, ja es gibt einfach Kinder die sind so. Zum Beispiel, und das passt bei uns auch, ich hatte bevor ich mit meiner Tochter schwanger wurde, hatte ich zwei Eileiter-Schwangerschaften und noch ein Frühabort. Ich hab einfach in Panik gelebt, dieses Kind zu verlieren. Und es ist wohl so ein Charakteristikum, dass wenn in der Schwangerschaft schon sehr viel Angst da ist, dass das ja wohl auch irgendwie die Kinder beeinflusst. Es war einfach für mich die Entlastung, wirklich so dieses ‚Hey’, es liegt nicht an Dir und Du machst alles was Du kannst.  Und dass es wirklich einfach darum geht, es anzunehmen, und dann zu schauen wie kann ich da jetzt das Beste draus machen und wie kann ich damit leben, anstatt dagegen anzukämpfen.

P: Das finde ich ein Super-Stichwort, das ist genau der Grund warum wir diese Podcasts machen, dieses ‚aha, bei anderen kann das auch so sein’, also dieser „aha“ Effekt.  Ich bin oder wir sind nicht , beziehungsweise mein Kind ist nicht krank, oder wir sind nicht abnormal. Alleine diese Tatsache die Du jetzt so schön beschrieben hast, entlastet so.  Ich muss mir keine größeren Sorgen machen, dass das was wir erleben ausser der Norm ist.

K: Ja

P: Das finde ich ganz wichtig, und das Erleben wir bei uns täglich in der Praxis, das Eltern kommen und fragen: ist das bei anderen auch so? Das ist die Hauptfrage bzw. die häufigste Frage die kommt. Und da können wir wirklich mit ruhigen Gewissens sagen: ja, bei anderen ist es auch so – nicht bei allen, aber bei manchen.

K: Ja, das hilft

P: Und dann kommt wie so eine Entspannung. Danke für Deinen Hinweis, das war wirklich ein ganz toller Tipp.

K: Ich würde gerne noch einen Satz sagen zu dem was ich von William Sears gelernt hab. E beschreibt auch ganz wunderbar einfach die Stärken dieser Kinder. Es ist irgendwie so wie ein Persönlichkeitsprofil zu dem auch ganz wunderschöne Seiten gehören.  – das sieht man bei unserer Tochter, sie ist sehr offen, geht auf Menschen zu, ist sehr bewegungsfreudig. Sie ist trotzdem ein wunderbares Kind. Was mich noch mal erinnert an was Du gerade gesagt hat mit dem Perspektivenwechsel, das man da nicht nur das vermeintliche Defizit sieht, sondern das Kind im Auge behält, einfach die Schönheit.

P: Genau, das Gute, das Positive. Man möchte ja dass das Gute wächst, oder, das es mehr wird, oder? Je mehr Fokus man da drauf richtet umso mehr kann das auch wachsen.

K: Ja, ja…

P: Ja, wir sind mittlerweile bei 26 Minuten. Ich würde sagen, ich stell’ Dir noch eine Frage und zwar: was war für Dich das Schönste oder das Lustigste was Du in den letzten Tagen mit Deinen Kindern erlebt hast?

K: Das beste und Lustigste war als wir im Freibad waren. Diese Saison hat jetzt meine Grosse sich endlich mal auf die Rutsche getraut, nachdem sie das ein paar Mal gemacht hatte gab’s kein Halten mehr.  Wir beide nur noch immer auf diese Rutsche hoch, und haben uns da gegenseitig, naja nicht gejagt, aber wie zwei Kinder hoch, so schnell wie möglich dann wieder runter und dann wieder hoch und wieder runter und wir hatten so viel Spaß das war einfach toll.

P: Das glaube ich. Und das finde ich auch das schöne an Kindern: wenn sie etwas Neues entdecken wie viel Energie sie da reinstecken können. Das ist schon immer wieder schön zu erleben.

K: Ja es war.. also es war einfach unglaublich so die ersten Male, bei Mama auf’m Schoss und dann kam‚ Mama lass, rutsch mal einen Meter hinter mir’ und dann gab’s keinen Halt mehr und auf einmal sah ich nur meine Kleine auf dem Bauch ja, auf dem Bauch hockte erst, und ich so ‚wow’!

P: Super Kendra, das finde ich gerade einen schönen Abschluss. Ich möchte mich bei Dir sehr bedanken für die Zeit die du dir genommen hat und um Deine Erfahrungen mit uns zu teilen. Ich werde alles was du so erwähnt hast, das Buch, deinen Blog, alles was du so machst auch in den Notizen unter dem Podcast vermerken und ich danke Dir und wünsch Dir noch viel Spaß mit Deinen 2 Töchtern.

K: Dankeschön! Ich danke Dir auch und will noch mal sagen ich finde das Projekt wirklich toll und bin dir dankbar dass du diese Dinge die man sonst verschweigt an’s Licht bringst. Alles Gute noch für Dein Projekt.

P: Danke schön. Das ist auch noch mein ganz großes Anliegen, weil wir auch Eltern von drei Kindern sind und viele Dinge selber erlebt haben.